{"id":1710,"date":"2018-02-25T04:43:50","date_gmt":"2018-02-25T03:43:50","guid":{"rendered":"https:\/\/swarafulk.de\/2018\/02\/ludwig-thoma\/"},"modified":"2018-02-25T04:43:50","modified_gmt":"2018-02-25T03:43:50","slug":"ludwig-thoma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/2018\/02\/ludwig-thoma\/","title":{"rendered":"Ludwig Thoma:"},"content":{"rendered":"<p>Ludwig Thoma:<\/p>\n<p>Agricola<\/p>\n<p>Vor beinahe 1800 Jahren hat der ber\u00fchmteste aller Geschichtsschreiber mit vielem Wohlwollen und ehrlicher Bewunderung unsere Vorfahren geschildert. Da es eine sch\u00f6ne und f\u00fcr die Nachwelt so wertvolle Aufgabe ist situs gentium describere, Land und Leute zu beschreiben, so will ich versuchen Sitten und Gebr\u00e4uche der Nachkommen zu zeichnen. Aber nicht derer, welche untreu germanischer Sitte St\u00e4dte bewohnen, sondern derer, welche ferne von ihnen die Felder bebauen. Daher auch der Titel der Schrift.<br \/>\nDie Ebene Germaniens vom Donaustrom bis zu den Alpen bewohnen die Bajuwaren. Ich halte sie f\u00fcr Ureinwohner dieses Landes, f\u00fcr \u00bbselbst gez\u00fcgelte\u00ab, wie sie in ihrer Sprache sich hei\u00dfen. Fremden Einwanderern ist es schwer, sich mit ihnen zu vermischen. Gewiss ist, dass sie nie mit den Autochthonen verwechselt werden k\u00f6nnen.<br \/>\nDa sich dieses germanische Volk nicht durch Eheverbindungen mit fremden Nationen vermischt, bildet es einen eigenen, sich selbst gleichen Stamm. Daher auch der n\u00e4mliche K\u00f6rperbau bei dieser zahlreichen Menschenmasse, dieselben ungew\u00f6hnlich ausgebildeten H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe, dieselbe harte, widerstandsf\u00e4hige Kopfbildung. Wie die Vorfahren sind sie zu st\u00fcrmischem Angriff tauglich und gerne bereit. F\u00fcr Strapazen und M\u00fchseligkeiten haben sie gro\u00dfe Ausdauer, nur Durst k\u00f6nnen sie nicht ertragen.<br \/>\nDas Land ist verschieden gestaltet. W\u00e4lder wechseln mit Getreidefeldern, H\u00f6henz\u00fcge mit gro\u00dfen Ebenen. In der N\u00e4he der gr\u00f6\u00dften Ansiedlung erstreckt sich ein gro\u00dfes Moos; hier hat sich der Stamm am reinsten erhalten.<br \/>\nDie Bajuwaren haben viel Getreide und Vieh; doch herrscht \u00fcber den Wert dieser Dinge jetzt gro\u00dfer Streit. Das Geld haben sie sch\u00e4tzen gelernt. Sie lieben nicht nur die alten, l\u00e4ngst bekannten Sorten, sondern auch s\u00e4mtliche neue.<br \/>\nDas Hausger\u00e4t ist einfach. Besonders an den Gef\u00e4\u00dfen sch\u00e4tzen sie den Umfang h\u00f6her als kunstfertige Arbeit.<br \/>\nWaffen. Kriegswesen. Waffen hat dieses Volk vielerlei; doch wird auch hierin mehr auf Tauglichkeit als auf Sch\u00f6nheit gesehen. Sehr verbreitet ist die kurze Sto\u00dfwaffe, welche jeder Mannbare in einer Falte der Kleidung tr\u00e4gt; ihr Gebrauch ist aber nicht freigegeben, vielmehr sucht die herrschende Obrigkeit in den Besitz derselben zu gelangen. In diesem Falle ersetzt sie der Volksgenosse stets durch eine neue.<br \/>\nAls Wurfgeschoss dient ein irdener Krug mit Henkel, der ihn auch zum Hiebe tauglich erscheinen l\u00e4sst. An ihren Zusammenkunftsorten sucht bei ausbrechendem Kampfe jeder m\u00f6glichst viele dieser Gef\u00e4\u00dfe zu ergreifen und schleudert sie dann ungemein weit. Die meisten Bajuwaren f\u00fchren eine Art Speere oder, in ihrer Sprache, Heimtreiber aus dem heimischen Haselnussholze, ohne Spitze, biegsam und f\u00fcr den Gebrauch sehr handlich. Wo diese Waffen fehlen, sucht jeder solche, die ihm der Zufall bietet. Ja, es werden zu diesem Zwecke sogar die Hausger\u00e4te, wie Tische und B\u00e4nke, ihrer St\u00fctzen beraubt. Beliebt sind auch die Bestandteile der Gartenumfriedung.<br \/>\nVor dem Beginne des Kampfes wird der Schlachtgesang erhoben. Es ist nicht, als ob Menschenkehlen, sondern der Kriegsgeist also s\u00e4nge. Sie suchen haupts\u00e4chlich wilde T\u00f6ne zu erzielen und schlie\u00dfen die Augen, als ob sie dadurch den Schall verst\u00e4rken k\u00f6nnten.<br \/>\nSie k\u00e4mpfen ohne \u00fcberlegten Schlachtenplan; jeder an dem Platze, welchen er einnimmt. Der Schilde bedienen sie sich nicht. Als nat\u00fcrlicher Schutz gilt das Haupt, welches dem Angriffe des Feindes widersteht und den \u00fcbrigen K\u00f6rper schirmt. Manche bedienen sich desselben sogar zum Angriffe, wenn die \u00fcbrigen Waffen versagen.<br \/>\nDer vornehmste Sporn zur Tapferkeit ist h\u00e4ufig die Anwesenheit der Familien und Sippschaften. Diese weilen in n\u00e4chster N\u00e4he ihrer Teuern und feuern sie mit ermunterndem Zurufe an. Die Schlacht beendet meist der Besitzer des Kampfplatzes, der hierzu eine auserlesene Schar befehligt.<br \/>\nLebensweise im Frieden. Wenn sie nicht in den Krieg ziehen, kommen sie zu geselligen Trinkgelagen zusammen. Auch hier pflegen sie des Gesanges, der sich aber von dem Schlachtgeschrei wenig unterscheidet. Tag und Nacht durchzuzechen gilt keinem als Schande. Vers\u00f6hnung von Feinden, Abschluss von Eheverbindungen, der beliebte Tauschhandel mit Vieh und sogar die Wahl der H\u00e4uptlinge wird meist beim Becher beraten. Selten spricht einer allein, h\u00e4ufig alle zusammen.<br \/>\nJeder legt ohne R\u00fcckhalt seine Meinung dar und h\u00e4lt daran fest. Bei Verschiedenheit der Meinung obsiegt der m\u00e4chtige Schall der Stimme, nicht die Kraft der Gr\u00fcnde.<br \/>\nAm meisten liebt dieses einfache Volk die unbefangenen Scherze. Auch den anderen ist es nicht abgeneigt.<br \/>\nDer m\u00e4nnlichen Jugend gilt als das h\u00f6chste Fest die Wehrhaftmachung. Diese findet in den gr\u00f6\u00dferen Ansiedelungen statt, wo die J\u00fcnglinge in die Liste der Krieger eingetragen werden. Zu diesem Feste schm\u00fcckte jeder die Kopfbedeckung mit wildem Gefieder. Die Gefolgschaft eines jeden Dorfes zieht dann mit furchterregendem Geschrei in die Stadt ein. Eine eigenartige Musik begleitet sie. Das Fest endet mit gr\u00f6\u00dferen K\u00e4mpfen. Denn ein stilles Leben liebt diese Nation nicht.<br \/>\nDas Getr\u00e4nke der Bajuwaren ist ein brauner Saft aus Gerste und Hopfen. H\u00e4ufig beklagen sie den schlechten Geschmack, niemals enthalten sie sich des Genusses.<br \/>\nIhre Kost ist einfach. Aus Mehl zubereitete Speisen nehmen sie in runder Form zu sich; die geringe N\u00e4hrkraft ersetzen sie durch die gro\u00dfe Menge. An einigen Tagen des Jahres essen sie ger\u00e4uchertes Fleisch von Schweinen und beweisen hierbei geringe M\u00e4\u00dfigkeit.<br \/>\nPrunkvolle Kleider tragen sie nicht. Auch sehen sie nicht darauf, dass diese die Formen sch\u00f6ner erscheinen lassen. Das Oberkleid des Mannes ist kurz und mit M\u00fcnzen geziert. Das Unterkleid dagegen ist sehr lang, eng anliegend und reicht bis an die Mitte der Brust. Meist ist es aus Leder gefertigt, sch\u00fctzt gegen Hitze und K\u00e4lte und ist dem Luftzuge unzug\u00e4nglich.<br \/>\nDas Kleid des Weibes besteht in \u00fcbereinander gelegten S\u00e4cken und l\u00e4sst \u00fcber die Sch\u00f6nheit der K\u00f6rperbildung im Unklaren.<br \/>\nSo wenig wie auf die \u00e4u\u00dfere Schm\u00fcckung legt dieses Volk auf die sonstige Pflege des K\u00f6rpers \u00fcbergro\u00dfes Gewicht. B\u00e4der werden als weichlich verachtet. Die Seife ist selten. Der Gebrauch der Zahnb\u00fcrste unbekannt.<br \/>\nDas Weib. Un\u00e4hnlich hierin den Vorfahren achtet dieses Volk den Rat der Weiber nicht und glaubt nicht an deren g\u00f6ttliches Wesen. Ihren Ausspr\u00fcchen horchen sie nur ungern. Doch fehlt nicht alle Verehrung des Weibes. Zu den geselligen Zusammenk\u00fcnften haben die Weiber Zutritt; ja, sie d\u00fcrfen sogar mit den M\u00e4nnern aus einem Gef\u00e4\u00dfe trinken. In dieser Gastfreundschaft herrscht eifriger Wettstreit. Auch tanzen die J\u00fcnglinge, welchen dies eine Lustbarkeit ist, mit ihnen umher. Bei dieser \u00dcbung beweisen sie mehr Fertigkeit als Anmut.<br \/>\nEigent\u00fcmlich ist die Art, wie sie sich zum Tanze paaren, sie beweist die Oberherrschaft des Mannes. Der J\u00fcngling, welcher eine Stammesjungfrau gew\u00e4hlt hat, st\u00f6\u00dft einen grellen Pfiff aus und winkt ihr befehlend mit der Hand.<br \/>\nH\u00e4ufig h\u00f6rt man auch bei diesen Lustbarkeiten pl\u00f6tzlich den Kriegsruf ert\u00f6nen. Den Weibern gilt es als ehrenvoll, wenn um ihretwillen der Kampf entbrennt.<br \/>\nSo ist auch die Werbung um sie oft mit Gefahren verkn\u00fcpft. Hass der anderen, n\u00e4chtlicher \u00dcberfall und Heimscheitelung bedrohen den J\u00fcngling, welcher einer Volksgenossin zuliebe die Geh\u00f6fte aufsucht und Mauern erklettert.<br \/>\nDas ist&#8217;s, was ich im Allgemeinen von dieses Germanenvolkes Sitten erfahren habe<\/p>\n<p class=\"facebook-post-url\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/1179509282113282\/posts\/1795414460522758\">Facebook<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig Thoma: Agricola Vor beinahe 1800 Jahren hat der ber\u00fchmteste aller Geschichtsschreiber mit vielem Wohlwollen und ehrlicher Bewunderung unsere Vorfahren geschildert. Da es eine sch\u00f6ne und f\u00fcr die Nachwelt so [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":1711,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-1710","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-facebook"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1710","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1710"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1710\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1711"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1710"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1710"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/swarafulk.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1710"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}